WARNUNG VOR CASTING SHOWS

Casting-Shows wie „Popstars“, „Deutschland sucht den Superstar“, „Fame Academy“ oder „Starmania“ überfluten derweil die Fernsehprogramme. Die verlockende Möglichkeit über Nacht zum Superstar zu werden entzündet eine weltweite Euphorie. Doch wenn man einen Blick hinter die Kulissen wagt, findet man mehr Tränen der Enttäuschung als unendliche Glückseligkeit. Um sich vor einer schmerzhaften Enttäuschung schützen zu können, muss man über die Hintergründe einer Casting-Show genaustens Bescheid wissen:

Ein Casting ist ein Verfahren, bei dem sich Künstler mit einer Darbietung bei einer Bühnen- oder Filmproduktion bewerben. Eine Fachjury beurteilt die individuellen Leistungen und wählt die geeignetsten Bewerber aus. Ein Casting ist eine intime Angelegenheit. Viele Menschen entblössen sich bei ihren Darbietungen und bei den hohen Anforderungen kann es vorkommen, dass jemand den Text vergisst oder sogar zusammenbricht. Deshalb gibt es an professionellen Castings Regeln, die eine gesunde Verfahrensweise ermöglichen. An professionellen Castings kann jeder Bewerber bei einem Blackout nochmals von vorne beginnen ohne dabei seine Chancen zu verlieren. Die Jury ist sich des enormen Drucks bewusst und weiss, dass einige Startschwierigkeiten bei einem Casting nicht bedeuten müssen, dass der Bewerber auch auf der Bühne versagen wird. Eine professionelle Jury übt während den Castings keine Kritik an den Darstellern und gibt ihnen keine Hinweise über den Erfolg ihrer Darbietungen. Zum einen, weil sie sich so davor schützt einen Bewerber falsch einzuschätzen (er/sie könnte ja einfach einen schlechten Tag erwischt haben) und zum andern, weil man dem Bewerber nicht das Selbstvertrauen nehmen will es im Falle einer Absage noch in einer anderen Produktion zu versuchen. Voreilige Zusagen oder falsche Hoffnungen zu machen sind gefährlich, denn es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man sich auf eine Aufgabe freut und sie einem dann später wieder weggenommen wird.

Ich habe mit vielen renommierten Künstlern gesprochen und alle haben mir bestätigt, dass die Castings zu den unangenehmsten Aufgaben ihres Berufs zählen. Zudem sei es nicht immer möglich die Fähigkeiten der einzelnen Bewerber auf diese Weise ausreichend zu erkennen. Einige Jurymitglieder haben mir versichert, dass sie das qualvolle Auswahlverfahren sofort ersetzen würden, wenn ihnen jemand eine akzeptable Alternative präsentieren könnte. Viele von ihnen haben bereits umgestellt und casten lieber Leute aus ihrem Bekanntenkreis oder aus vorangegangenen Produktionen. Deshalb fällt es mir schwer zu akzeptieren, warum man ausgerechnet aus dem furchteinflössendsten Teil des Performerlebens eine Fernsehsendung kreiert und - noch viel schlimmer - dass diese Shows einen derart grossen Erfolg verzeichnen. Es gibt sicher ein paar Individuen, die durch eine Castingshow profitieren können. Doch bei allen anderen ist es nur ein krankhaftes Spiel zwischen Opfer und Peiniger und man geilt sich, ohne es zu wissen, an den unmenschlichen Zeremonien auf. Ich frage mich ernsthaft, ob ein junger Mensch, der an sich glaubt und voller Hoffnung an einer Castingshow teilnimmt und dann vor laufender Kamera von der ganzen Nation ausgelacht wird, sich jemals wieder auf eine Bühne traut. Casting Shows brechen alle Regeln, die für einen erträglichen und fairen Ablauf eines Castings garantieren sollen. Sie fördern die grausamen Aspekte eines Castings und zeigen sie der Öffentlichkeit um hohe Einschaltquoten zu erzielen. Weder die staatlichen Fernsehsender noch Bühnenproduktionen machen davor halt, die Castings als Promotionsplattform zu missbrauchen. Wenn Sie Mühe haben sich vorzustellen, wie sehr ein Bewerber an einer Castingshow verletzt werden kann, dann stellen Sie sich vor, dass Ihr nächstes Vorstellungsgespräch landesweit im Fernsehen übertragen wird.